Begrüßung zur Verleihung der Carl-von-Ossietzky-Medaille

durch den Liga-Präsidenten Dr. Rolf Gössner, Berlin 2003

Guten Tag, meine Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde der Internationalen Liga für Menschenrechte!

Bevor ich die heutige Veranstaltung offiziell eröffne, möchte ich mit Ihnen kurz innehalten. Lassen Sie uns der im Jahr 2003 verstorbenen Mitglieder der Liga gedenken. Wir beklagen den Tod unserer Berliner Mitglieder Dr. Anneliese Schellenberg, Ellen Stirba und Heinz Schmidt. Zum Gedenken möchte ich Sie herzlich bitten, sich jetzt von Ihren Plätzen zu erheben – ich danke Ihnen.

Im Namen des Kuratoriums und des Vorstands der Internationalen Liga für Menschenrechte möchte ich Sie, meine Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, hier im Haus der Kulturen der Welt sehr herzlich begrüßen zur heutigen Verleihung der Carl-von-Ossietzky-Medaille.

Lassen Sie mich zunächst einmal die Hauptpersonen dieses Tages herzlich willkommen heißen – die Preisträgerinnen Frau Dr. Gerit von Leitner aus Berlin, sie ist Historikerin und Publizistin, sowie die Bürgerinitiative „Freie Heide“ aus Brandenburg, die sich seit mehr als zehn Jahren gegen die militärische Nutzung des sogenannten Bombodroms zur Wehr setzt. Zahlreiche Mitglieder der Bürgerinitiative haben ihre Mitbegründerin und Großmutter der „Freien Heide“, Annemarie Friedrich, ihren Vorsitzenden Helmut Schönberg sowie Pfarrer Benedict Schirge heute hierher begleitet, um diesen Festakt mitzuerleben.

Des weiteren begrüße ich Eberhard Radczuweit, der als Medaillenträger des letzten Jahres die Laudatio auf die Preisträgerinnen halten wird. Er ist 2002 selbst ausgezeichnet worden für die Projektarbeit des „Vereins für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion“ (Kontakte) zusammen mit Marina Schubarth, deren Engagement für die Rechte ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter voriges Jahr gewürdigt worden ist. Auch alle anderen Medaillenträger der vergangenen Jahre, die heute zu uns gefunden haben, möchte ich von hier aus herzlich begrüßen.

Lassen Sie mich noch ein paar Worte zu den Mitwirkenden des heutigen Tages verlieren: Ich freue mich ganz besonders, Ihnen heute Schülerinnen und Schüler der Carl-von-Ossietzky-Gesamtschule in Berlin-Kreuzberg vorstellen zu dürfen. Sie machten sich zusammen mit ihrer Lehrerin Karin Dickheuer Gedanken über die Aktualität Ossietzkys und seiner Texte zu verschiedenen historischen Gelegenheiten. Und sie werden uns heute Beispiele dieser Gedankenarbeit vorführen.

Des weiteren möchte ich Ihnen „LEBENSLAUTE“ vorstellen – das ist eine bundesweite Vereinigung von klassischen Musikerinnen und Musikern, die sich in zivilem Ungehorsam gegen Krieg, Entrechtung und Umweltzerstörung engagieren. Sie sind auch erprobt in musikalischen Widerstandsaktionen gegen das „Bombodrom“, das uns später noch eingehender beschäftigen wird. Sie werden uns heute mit „Lebenslauten statt Bombengetöse“ durch das Programm begleiten und werden zu diesem Zweck auf das Köchelverzeichnis 285 zurückgreifen (Mozarts Flötenquartett D-Dur). Lassen Sie sich überraschen – im übrigen auch von einem Musikstück, das der Liedermacher Uli Klan aus Wuppertal für die „FREIe HEIDe“ komponiert und getextet hat.

So viel, meine Damen und Herren, zu den Mitwirkenden des heutigen Tages. Vielleicht darf ich mich an dieser Stelle selbst kurz vorstellen: Ich bin Rolf Gössner, von Beruf Rechtsanwalt, Buchautor und seit März diesen Jahres Präsident der Internationalen Liga für Menschenrechte. Es ist mir eine große Ehre, in dieser Funktion zum ersten Mal die Carl-von-Ossietzky-Medaille verleihen zu dürfen und Sie, liebe Freundinnen und Freunde, in diesem festlichen Rahmen durch die Veranstaltung zu begleiten. Vor allem, lassen Sie mich das kurz anmerken, vor allem freue ich mich, endlich mal eine Positivauszeichnung an zwei leuchtende Vorbilder vergeben zu können, nachdem ich bislang – als Mitglied der Jury zur Verleihung des deutschen BigBrotherAwards – schon zum vierten Mal Institutionen und Politiker mit einem Negativpreis „auszeichnen“ musste, die in eklatanter Weise gegen das Informationelle Selbstbestimmungsrecht und den Datenschutz verstoßen haben. Diesen „Oscar“ für Datenkraken, wie er auch genannt wird, erhielt unter anderen auch Bundesinnenminister Otto Schily, so dass es mir nicht erspart blieb, die „Laudatio“ auf ihn zu halten. Schily erhielt den Preis für seine sogenannten „Anti-Terror“-Pakete oder auch Otto-Kataloge genannt, mit denen nach dem 11. September 2001 die Bürgerrechte hierzulande auf dramatische Weise ausgehöhlt werden. Bis heute hat Schily die wohlverdiente Preis-Trophäe allerdings nicht abgeholt.

Das wird heute anders sein. Die Carl-von-Ossietzky-Medaille ist demgegenüber eine Positiv-Aus­zeichnung – und zwar für widerständiges politisches Engagement, für Zivilcourage und kritische Aufklärung. Die Liga verleiht sie seit über 40 Jahren zum Tag der Menschenrechte an Personen und Gruppen, die sich um Verteidigung, Durchsetzung und Fortentwicklung der Menschenrechte und des Friedens besonders verdient gemacht haben.

Zu den Medaillenträgern gehören u.a. Heinrich Böll, Heinrich Albertz, Robert Kempner, Günter Grass, Ingeborg Drewitz, Martin Niemöller, Günter Wallraff, Erich Fried, Lea Rosh, Hannes Heer und das Team der Ausstellung „Vernichtungskrieg – Verbrechen der Wehrmacht“, die Richter und Staatsanwälte für den Frieden, die Samstags-Frauen von Istanbul, Asyl in der Kirche, les Collectifs des Sans Papiers und viele andere mehr.

Wie manche unter Ihnen wissen, wurde die Internationale Liga für Menschenrechte nach dem Zweiten Weltkrieg „im Geiste von Carl von Ossietzky“ wiedergegründet – und in diesem Sinne, in seinem Geiste nehmen wir auch die heutige Ehrung vor. Lassen Sie uns nun den Gedanken der Schülerinnen und Schüler der Carl-von-Ossietzky-Oberschule Berlin-Kreuzberg lauschen, Gedanken, die sie sich zur Aktualität von Ossietzky in heutiger Zeit gemacht haben. Vielen Dank.